Kurz erklärt
Vor dem Web setzte das Lesen eines Dokuments auf einer anderen Maschine voraus, deren jeweils eigenes Zugriffssystem zu kennen: FTP, Gopher, WAIS und Telnet hatten jeweils ihre eigene Adressierung, untereinander inkompatibel. Berners-Lee schlägt drei Bausteine vor, die zusammenpassen: eine universelle Adresse (URL), eine einheitliche Art, ein Dokument anzufordern (HTTP), ein gemeinsames Format, um es zu schreiben (HTML). Das Gegenstück zu einer Postanschrift, die in allen Ländern gilt, verbunden mit einer Sprache, die jedes Postamt lesen kann. Der entscheidende Umschwung ist nicht technischer, sondern juristischer Natur: Mit der Freigabe des Codes in die Gemeinfreiheit am 30. April 1993 verzichtet das CERN auf jede Gebühr, und Veröffentlichen bedarf fortan niemandes Erlaubnis. Die weiter unten genannten Verbreitungszahlen bleiben Größenordnungen und hängen von den Messmethoden ab.
Entdeckung
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Datum des Vorschlags | März 1989 (Memo „Information Management: A Proposal“) |
| Erste Website online | 20. Dezember 1990, info.cern.ch |
| Öffentliche Ankündigung | 6. August 1991 (Beitrag in alt.hypertext) |
| Erfinder | Sir Timothy John Berners-Lee (geboren am 8. Juni 1955 in London) |
| Ort | CERN, Genf, Schweiz |
| Servermaschine | NeXT Computer (CPU Motorola 68040, 25 MHz, 16 MB RAM) |
| Geschaffene Technologien | URL (Adressierung), HTTP/0.9 (Übertragung), HTML (Auszeichnung) |
| Lizenz | Gemeinfrei (30. April 1993, Beschluss des CERN) |
Technische Erläuterung
1. HTML (HyperText Markup Language) — Berners-Lee definiert eine von SGML (Standard Generalized Markup Language, ISO 8879:1986) abgeleitete Auszeichnungssprache. Die erste Fassung umfasst nur 18 Tags (<a>, <p>, <h1>–<h6>, <ul>, <ol>, <li>, <address> usw.). Das Schlüsselkonzept ist der Hypertext-Anker <a href="...">: ein anklickbarer Verweis auf ein beliebiges Dokument auf einem beliebigen Server.
2. HTTP (HyperText Transfer Protocol) — Ein Anfrage-Antwort-Protokoll in Klartext. HTTP/0.9 unterstützt nur eine Methode: GET. Der Client sendet GET /path\r\n, der Server liefert das rohe HTML-Dokument zurück und schließt die TCP-Verbindung. Keine Header, keine Statuscodes, keine MIME-Typen. Die Einfachheit ist gewollt: Jeder Entwickler kann in wenigen Stunden einen Client umsetzen.
3. URL (Uniform Resource Locator) — Berners-Lee vereinheitlicht die Adressierung von Netzressourcen in einer einzigen Syntax: protocol://host:port/path. Vor der URL hatte jedes System (FTP, Gopher, WAIS, Telnet) sein eigenes, inkompatibles Adressierungsschema. Die URL führt all diese Protokolle unter einer universellen Konvention zusammen.
4. Der erste Browser-Editor — Die Software „WorldWideWeb“ (später in Nexus umbenannt) auf dem NeXT ist zugleich Browser und WYSIWYG-Editor: Berners-Lee entwirft das Web als Lese- und Schreibraum, nicht nur als Leseraum. Diese Vision geht für 15 Jahre verloren, bis zu den Wikis und dem Web 2.0.
Warum es funktioniert hat
Das Web ist weder das erste Netz noch der erste Hypertext (Apples HyperCard stammt von 1987, Ted Nelsons Projekt Xanadu von 1960). Sein Sieg beruht auf drei architektonischen Entscheidungen:
| Architektonische Entscheidung | Was sie bedeutet |
|---|---|
| Dezentralisierung | Kein zentraler Server: Jeder kann veröffentlichen |
| Fehlertoleranz | Ein toter Link degradiert sanft, ohne systemischen Absturz |
| Einfachheit | HTML in einer Stunde erlernt, Server an einem Tag aufgesetzt |
Der Beschluss des CERN vom 30. April 1993, den Code gemeinfrei zu stellen — ohne Gebühr, ohne Lizenz —, ist der Gründungsakt. Ohne ihn hätte das Web proprietär bleiben können, wie CompuServe oder AOL.
Kausalkette
Vannevar Bush ersinnt den Memex (1945) → Ted Nelson definiert den Hypertext (1965) → ARPANET schafft die Paketvermittlung (1969) → TCP/IP vereinheitlicht die Protokolle (1983) → Berners-Lee schlägt das Web vor (1989) → das CERN gibt den Code frei (1993) → Mosaic/Netscape machen das Surfen allgemein zugänglich (1993–1994) → Google ordnet die Information (1998) → das Web 2.0 macht den Nutzer zum Produzenten (2004) → Mobile-First überholt den Desktop (2016)
Anekdote
Auf dem roten Aufkleber, den Berners-Lee auf das Gehäuse seines NeXT klebte, stand: „This machine is a server. DO NOT POWER IT DOWN!!“. Hätte jemand den Stecker gezogen, wäre der einzige existierende Webserver der Welt offline gewesen. Dieser NeXT ist heute im Museum des CERN in Genf ausgestellt.
Grenzen und Kontroversen
Statistiken zu Marktanteilen und Verbreitung schwanken je nach Messmethodik (Umfragen, Verkehrsanalysen, Angaben der Anbieter). Die genannten Zahlen sind Größenordnungen aus spezialisierten Quellen. Die Geschichte der Informatik ist Gegenstand von Prioritätskontroversen, die hier nicht erschöpfend behandelt werden.
Quellen
Referenzen, die bei der Faktenprüfung im August 2026 überprüft wurden: Es sind die Seiten,
an denen die Aussagen dieses Bulletins abgeglichen wurden.
